Apr 17 2018

Auch Kaffee hätte da nicht mehr geholfen….

Veröffentlicht von David Riemay um 20:53 unter Mannschaft

Am letzten Spieltag der Landesliga waren wir zu Gast in Ricklingen. Und wie schon am Spieltag davor hieß es: Verlieren verboten! Ein 4:4 wäre der sichere Klassenerhalt….

Jü nahm Lucas und mich mit, die erste schlechte Meldung des Tages lautete: A2 vollgesperrt Richtung Hannover! Gott sei Dank hatten wir etwas Puffer und kamen so ziemlich genau Punkt 10h am Spiellokal an. Zweite Schlechte Meldung des Tages: Ricklingen fuhr volle Stärke auf, vorne mit Ivanov und Schulze und hinten erwartete mich der nachgemeldete Jan-Hendrik De Wiljes. Aller guten (und wohl auch schlechten) Dinge sind ja bekanntlich drei, denn es stellte sich heraus, dass es im Spiellokal keine Getränke jeglicher Art gab, vor allem kein Kaffee! Wer soll so Schach spielen? Da passten es nur zu gut, dass die direkt gegenüber der Tür des Spielraumes befindlichen Toiletten gesperrt waren und man stattdessen einmal auf die andere Seite des Gebäudes musste….

Leider passte sich unsere Leistung gegen die zugegebener Maßen mit dieser Aufstellung ziemlich klar favorisierten Gegner den Umständen nahtlos an…

Da eigentlich zu keinem Zeitpunkt Spannung aufkam, verzichte ich auf Zeitangaben (Außerdem habe ich sowieso wenig mitbekommen von den anderen Partien während des Kampfes)

Die erste Entscheidung des Tages: Lucas hat leider an Brett 2 gegen Torben Schulze verloren! In einem beschleunigten Drachen konnte er einiges abtauschen, sein Gegner stand aber die meiste Zeit leicht besser. Folgende Stellung ergab sich:

Lucas

Hier hatte Lucas Gegner gerade mit 25. e5?! einen Teil seines Vorteils weggegeben, der etwa mit  25.Tb3 vergrößert hätte werden können (e5 bleibt eine Idee, nur dann noch mit Angriff auf den Bauern b7). Lucas nutzte die Chance und griff mutig auf b2 zu  25….. Dxb2 und bekam mit 26. Tb3 Dxa2 gleich noch einen zweiten Bauern dazu auf Kosten seiner Damenstellung. Nun sieht der Computer Weiß nach 27. hxg6  klar im Vorteil (Idee ist nach fxg6 mit dem Läufer auf d5 Schach zu geben und dann einen Abzug auf die schwarze Dame zu haben, da hxg6 wegen Ld5, Dh4, Th3 ziemlich schnell Matt wird).

Stattdessen kam nach  26. Tb3 Dxa2 27. h6, was Schwarz wieder zurück ins Spiel lässt. Allerdings bleibt es gefährlich, da Weiß Dd4 nebst schnellem Matt auf g7 droht. Es folgte 27….Da4 28.Lxb7

Lucas1

Hier gibt es nun mehrere Optionen für Schwarz (etwa dxe5), Lucas spielte 28…Dd7. Das hat leider den Nachteil, dass 29.Dd4! sofort gewinnt. Es droht tödlich e6 mit Damenangriff und Matt auf g7, auf das offensichtliche 29…e6 ist dxe6 verheerend, da dieser Bauer viel zu stark ist. Deshalb versuchte Lucas noch 29…De6, was aber auch verliert.

Leider verlor Sebastian etwa zeitgleich an Brett 6 gegen Manual Polnau, nachdem ihm mit Weiß ein Königsinder etwas entglitt! Aufgrund der Aufstellung und der Situation hielt ich einen Punkt von ihm für Pflicht wenn wir in die Nähe eines 4:4 kommen wollen, damit schwanden die kleinen Hoffnungen leider sehr früh.

Sebastian

Hier kam gerade 16…b4, wonach Schwarz schon die Initiative hat. Vor allem droht der Einschlag auf e4, da taktisch am Ende ein Turm auf a1 hängt.  17.Sb5?! sieht logisch aus, auf a4 wäre er vielleicht etwas besser gewesen, wobei jeweils 17…Se4! folgt. Es kam 18.Lxe4 Txe4, soweit so gut, nur muss dann hier 19.Sd4 folgen, was die Diagonale des Läufers verstellt und zumindest erstmal weiteren Materialverlust verhindert. Sebastians 19. TxTe4 verliert sofort Material, da nach der logische Folgen 19….Sxe4 20. LxDd8 SxDd2 nun von Weiß der Turm auf a1 hängt und falls der Weg zieht SxSf3+ folgt nebst Ld7 mit Doppelangriff auf Sb5 und Ld8.  Daher gab Sebastian mit 21. SxSd2 die Qualität, blieb aber in der Folge chancenlos…0:2

An Brett 4 musste Lars gegen Christian Regert ein leicht schlechteres Endspiel verteidigen mit jeweils zwei Leichtfiguren und Turm, wobei sein Gegner zunächst sehr stark spielte und die besten Züge fand:

Lars

Hier hatte Lars Gegner mit Weiß gerade 30.Se6! gezogen und droht Txg7!, was nur sinnvoll durch Se8/Sh5 zu decken ist. Se8 ist zwar passiv, hält die Stellung aber zunächst. Auch wenn Weiß dann klar besser steht, ist es nicht einfach einen klaren Plan zu finden. Lars wollte aktiver spielen mit 30….Sh5 (droht vielleicht mal etwas in Richtung Dauerschach), aber 31. g4! gewinnt sofort, da es leider kein Dauerschach wie eigentlich von Lars geplant ist (Der weiße König läuft einfach über f2-e1-d2-c3 raus)! Der Gegner sah wohl auch das Dauerschach und spielte stattdessen 31.h3, hatte danach weiter Vorteil und kurz danach endete die Partie doch im Dauerschach, wobei auch die Schlußstellung noch sehr gut für Weiß ist. 0,5:2,5

Kommen wir nun endlich zu einer erfreulichen Nachricht, nämlich der Partie von Siggi an Brett 3 gegen Jan Pubantz. Nachdem zunächst nicht viel los war, gelang es Siggi in ruhiger Stellung seinen Gegner nach und nach zu überspielen mit großem Raumvorteil.

Siggi

Hier kam gerade 27.Lb4, wonach Lxd6! schon nicht mehr richtig zu verhindern ist. Daran änderte auch 27….a5 nichts, 28.Lxd6! gewann einen wichtigen Bauern und im Prinzip die Partie, da nach Txd6 29.TxLc8 den Läufer zurückgewinnt. Siggi brachte die Partie souverän nach Hause, 1,5:2,5

Da der Kampf eigentlich gar nicht so einen langen Artikel wert ist und ich mit einer positiven Partie enden will, folgt hier noch die kurze Zusammenfassung der anderen Partien:

An Brett 1 verliert Udo gegen FM Vladimir Ivanov, nach dem die gegnerischen Figuren im Mittelspiel stärker und stärker wurden und am Ende im Mittelspiel ein schönes Matt aufs Brett brachten.

An Brett 6 verliert Jü gegen Thomas Spiess recht chancenlos, der den fragwürdigen schwarzen Aufbau stark überspielte. Stefan an Brett 7 gewann gegen Darius Rausch früh eine Qualität, irgendwann gingen jedoch dafür 2 Bauern verloren so dass ein remisliches Endspiel endstand.

Ich selber spielte an Brett 8 mit Schwarz gegen Jan-Hendrik de Wiljes eine vernünftige Partie, in der Weiß immer einen symbolischen aber praktisch schwer nachweisbaren Vorteil hatte. In Zeitnot übersah ich eine Abwicklung in eines trotz Mehrbauerns für mich katastrophalen Endspiels. Die praktischen Klippen umschiffte mein Gegner sehr souverän, so dass wir mit meiner Niederlage insgesamt hochverdient 2:6 verloren haben. Somit ist der Abstieg besiegelt.

Zum Schluß noch einige gute Nachrichten: Die Stimmung in der Mannschaft beim abschließenden Essen beim Italiener war trotzdem gut, und nach bisherigem Stand wollen wohl auch nächstes Jahr alle selben 8 Spieler das Projekt Wiederaufstieg in Angriff nehmen. Ich freue mich drauf, schade dass es diese Saison nicht gereicht hat, aber abgestiegen ist man eigentlich nicht heute sondern in anderen Kämpfen….Auf eine schönes neue Saison, in der es hoffentlich in allen Spiellokalen Kaffee geben wird!

Tabelle

3 Kommentare to “Auch Kaffee hätte da nicht mehr geholfen….”

  1. Matiasam 17 Apr 2018 um 23:09

    So schade es um den Abstieg ist, so schön ist es wieder Berichte zu lesen!

  2. Tanderaxelam 19 Apr 2018 um 15:22

    ————————-
    ich hab mir dieses Posting nochmal durchgelesen und es wirkte im Nachhinein ein wenig ruppig/unfreundlich, was nicht beabsichtigt ist. Darum sag ich vielleicht vorher erstmal Danke für den schönen Bericht, und auch Danke an Salzgitter für den schönen Wettkampf. Er war sehr lange sehr hart umkämpft, und man sieht es auch nicht so häufig, dass die erste Partie erst nach ~3.5h vorbei ist. Die Unpässlichkeiten bzgl. der Toilettensituation ist natürlich nervig gewesen. Das es in dem Freizeitheim eine Gaststätte gibt und Kaffee hier verfügbar ist, wurde aber in der Begrüßung angemerkt.

    Nun zum schachlichen:
    ————————-

    “Hier hatte Lucas Gegner gerade mit 25. e5?! einen Teil seines Vorteils weggegeben, der etwa mit 25.Tb3 vergrößert hätte werden können (e5 bleibt eine Idee, nur dann noch mit Angriff auf den Bauern b7). Lucas nutzte die Chance und griff mutig auf b2 zu 25….. Dxb2 und bekam mit 26. Tb3 Dxa2 gleich noch einen zweiten Bauern dazu auf Kosten seiner Damenstellung. Nun sieht der Computer Weiß nach 27. hxg6 klar im Vorteil (Idee ist nach fxg6 mit dem Läufer auf d5 Schach zu geben und dann einen Abzug auf die schwarze Dame zu haben, da hxg6 wegen Ld5, Dh4, Th3 ziemlich schnell Matt wird).”

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    Es ist erstaunlich, dass 25.e5 ein ?! erhält, und nach dem ‘mutigen Antwortzug’ Dxb2 (ohne Wertung seitens des Autors) auf Gewinn steht.

    Gewährt man Schwarz einen Nullzug (also z.B. durch das erstrebenswerte und thematische 25.h6), so kann er sich tatsächlich auf b2 bedienen, da der schwarzen Dame nach 25…Dxb2 26.Tb3 das Figurenfeld f6 zur Verfügung steht. Hiernach greift die Dame den f4 an und Weiß erhält seinerseits im Vergleich zur Partie nicht taktische Möglichkeiten durch Lxb7 (–> ungedeckter Tb8).

    Dies ist die erste Begründung von 25.e5 - es erzwingt die Abseitsstellung der einzigen aktiven schwarzen Figur, wonach ich mir nicht vorstellen konnte, dass Schwarz die nächsten 10 Züge überlebt. Dies lässt sich natürlich durch simples ablesen von Computerbewertungen schwerlichst finden, erwähnenswerter sind vermutlich die 4 Restminuten von Schwarz für 15 Züge.

    In meiner persönlichen Kommentierung erhält 25.e5 daher ein Ausrufungszeichen. Ich analysiere aber üblicherweise auch ohne Computerunterstützung.

    Zweitens gefiel mir an direktem 25.Tb3 nicht, dass Schwarz (nach Dxf2+ 26.Kxf2 b5) eine Auffangstellung auf der siebten Reihe einnehmen konnte, also nach z.B. 27.Ta3 Ta8! 28.e5 Ta7. Wenn man die Reihenfolge der Züge umdreht, also erst 27.e5 spielt, so kriegt Schwarz mit ..Sb6 28.Ta3 Sc4! genug Gegenspiel.

    Die Krux hier ist leicht gefunden: 25.Tb3 ist ein Tempoverlust! Nach 25.e5! Dxf2+ 26.Kxf2 kann Schwarz nicht gut auf e5 schlagen, da es den weißen Türmen Linien öffnet (der zweite Grund für das -Timing- von 25.e5). Daher muss Schwarz auf das signifikant ungünstigere

    26…b5
    27.Ta3 Tb6 zurückgreifen, wonach der schwarze Turm allerdings deutlich schlechter steht als zuvor auf a7 - die siebte Reihe ist nicht überdeckt und dem schwarzen Springer fehlt das natürliche Feld b6. Soweit hatte ich das ganze gesehen. Nach 28.Te3!? muss Schwarz strukturelle Konzessionen machen, das geringste Übel besteht vermutlich in 28…dxe5 29.Txe5 e6, wonach Weiß nach 30.Tc5! ein Fischer-Taimanov artiges Endspiel erreicht hat, von dem nicht klar ist wie Schwarz es überhaupt halten soll.

    Von dem objektiven Wert abgesehen, ist 25.e5 natürlich vor allem deswegen ein guter Zug, da er den Gang schlagartig höher schaltet (die Partie geht hier ja eigentlich erst los), und zwar genau in dem Moment, in dem Schwarz sich sichtlich unwohl fühlte (Lucas zog Sb6-c8 nicht gerne) und auch garkeine Zeit mehr hat, um tiefe Entscheidungen zu treffen.

    Nach dem gleichen Konzept wurde auch der Zug 27.h6 recht locker aus dem Handgelenk heraus und im Grischuk-Stil gespielt (”I just said to myself: ‘I have all the pieces in attack and black defends with one bishop if there is no mate I just quit chess.’ I cannot believe there is a defence for black.”), wobei ich hier sofort einsehe dass er objektiv nicht gut ist. Dieser Zug war aber vor allem deswegen so giftig, weil er keine direkte Drohung aufstellt (Verteidigung ist immer dann am einfachsten, wenn man einzige Züge finden muss). Stattdessen muss sich Schwarz überlegen, ob er erst die Dame aus ihrem Käfig holt, den b-Bauern mit b5 behält, auf e5 zwischentauscht, und und und … Bei der geringen restzeit von schwarz kein leichtes Unterfangen.

    Letzte Anmerkung: In der Partie zog Lucas nicht De6 (was den Turm verliert) sondern e6 und gab fünf Züge später auf.

  3. David Riemayam 26 Apr 2018 um 20:44

    Vielen Dank Tanderaxel!

    Leider habe ich nur begrenzt Zeit, daher war jegliche Analyse reine Computerarbeit, jeglicher praktischer Aspekt geht da völlig unter. Immerhin überfliege ich fast alle Partien, da kommen trotz schneller Eingabe schnell 1-2 Stunden Arbeit heraus.

    Dementsprechend finde ich deine Kommentare, die genau diesen praktischen Aspekt ansprechen, sehr informativ. Die Zeichen an den Zügen sind eher wohlwollend gedacht, im Sinne von: Da ich alles nur schnell überfliege und aufgrund meiner begrenzten schachlichen Stärke will ich mir nicht rausnehmen, überall Fragezeichen zu verteilen. Daher verteile ich gar keine, auch wenn sie sicherlich bei einigen Stellen angebracht wären.

    Das mit dem Kaffee habe ich leider verpasst, mein Fehler!
    Auf die einzelnen Züge werde ich leider auch nicht eingehen, da mir dazu Zeit und Einblick fehlen. Lucas selbst wäre wohl eher der Richtige dafür.

    Danke nochmal für den sehr ausführlichen Kommentar!

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